20 Jahre und (k)ein Bisschen leiser – oder ich weiß, dass ich nichts weiß, aber ein Geschlecht habe….

„Ich fänds unanständig keine feministin zu sein. Ich könnt das nicht mit meinem gewissen verein […] Für mädchen ladies divas dykes. Alle sternchen mitgemeint“ -Sookee
13090481_2231105027030220_672761390_nIch weiß, dass ich nichts weiß – dieser durchaus eingängige und einfache Satz brannte sich in die europäische Geistesgeschichte ein wie kaum ein zweiter. Dieser Satz zeigt die Beschränktheit des menschlichen Denkens.
Im Panel ‚Gender‘ im Kontext des 20-jährigen Bestehens des Studienganges Lehramt Berufsbildende Schulen Fachrichtung Sozialpädagogik ging es hoch her. Zentrale Fragen waren hierbei wie wir gegenwärtig in Schulen mit gendergerechter Sprache umgehen, die auch Queer-Personen im Text mitbedacht (Gendergap z.B. Erzieher*innen). Einerseits stehen normative Vorschriften des Dudens, auf der anderen Seite emanzipatorisch-kritische Sozialpädagogische Theorien. Und die Schule direkt dazwischen.
Darüber hinaus ging es um die Fragen wie das Thema Inter* und Trans* im Unterricht an den Fachschulen in Hamburg thematisiert wird. Innerhalb der Diskussion wurde schnell deutlich, dass das Wissen um Geschlecht zwar durchaus vorhanden ist, aber die Aushandlungsprozesse um Geschlecht häufig dazu führen, wieder in alte stereotype Muster zu verfallen. So wies beispielsweise Melanie Kubandt darauf hin, dass in ihrer qualitativen Studie deutlich wurde, dass auch Geisteswissenschaftler*innen, die sich intensiv mit Gender- und Queerfragen befassten, recht schnell in rosa/blau Schubladen verfielen, sobald sie eigene Kinder bekamen. Innerhalb der Diskussionen wurde neben der Frage des Rückfalls in alte Muster aber auch die Frage diskutiert, in wie fern ein Zwang zu gendergerechter Schriftsprache sinnvoll, und die Auseinandersetzung um Geschlechterfragen (und auch viele andere Fragen des alltäglichen Lebens) normativ und mit starren Mustern zu Führen ist. „Sie müssen Gendergap verwenden“ ist genauso wenig hilfreich wie der ausschließliche Verweis auf den Duden. Ich vertrat die These, dass politisch unkorrektes Verhalten gerade in der Lehrendenrolle sehr sinnig sein kann, um Normen auf ironische Art zu hinterfragen. Natürlich stellt sich immer die Frage: wer darf politisch korrekt was? Ich persönlich überschreite diese Grenzen im Unterricht sehr häufig bewusst und mit einer Erkenntnisabsicht. Da gibt es eben die Schwuchtel, die gerne pinke Tops trägt und die Proll-Lesbe, die lila Latzhosen extrem attraktiv findet, die feminine Bitch, die es großartig findet, jedem ihre Brüste mehr oder minder zu präsentieren. Durch die direkte Ansprache, das nicht politisch korrekt Sein – so meine These – wird es Schüler*innen erst möglich auch Themen anzusprechen, vor denen sie Sorge haben.
Darf ich jetzt etwas gegen meine lesbische Kollegin haben, weil ich sie einfach doof finde? Oder muss ich immer betonen, dass sie super ist? Im Plenum wurde diese These durchaus geteilt, da Ironie und Humor Denkschranken öffnen können, wie Spitzer und Hüter bereits Hirnphysiologisch nachweisen konnten.
Klar, aus Perspektive der Lehrenden muss es sein, dass Schüler*innen auch die eigene Ironie verdeutlicht werden muss. Natürlich kann ich die lesbische Kollegin doof finden, das ist ok, aber nicht weil sie lesbisch ist, sondern vielleicht weil ich sie selbst nunmal einfach nicht mag.
Ungeachtet dessen bezog ich deutlich Stellung, was den Gendergap in der Schriftsprache angeht. Das verstecken hinter scheinbaren Schreibdogmen in Form von Dudenregeln unkritisch stehen zu lassen und diese gar als einzige verbindliche Richtschnur zu nehmen empfinde ich bis heute als unwürdig für kritisch-reflektierte Pädagog*innen. Viel mehr gilt es Schüler*innen auf die Diskrepanz zwischen sozialpädagogischer Theoriebildung und den Schreibregelungen des Dudens hinzuweisen. Ein Beschluss der jeweiligen Lehrerkonferenz, fachliche Aspekte über Schreibaspekte (Hinweis eines Teilnehmenden) zu stellen genügt schon, um auch jene Schüler*innen in unseren Klassenräumen mit zu bedenken und vor allem SICHTBAR zu machen, die nicht in unsere binäre Geschlechterordnung passen. Dahingehend wäre es wünschenswert, im Sinne von Axel Honneths Anerkennungstheorie, dass alle Pädagog*innen selbstverständlich eigene Fachlichkeit über kleinliche Schreibregeln stellen und ermutigen vor dem Schreiben zu allererst im Sinne der Anerkennung zu denken.

Autor*in: Stefan HierholzerStefan, Absolvent*in der Leuphana Universität Lüneburg im Bereich LBS Sozialpädagogik und Politologie. Schwerpunkt seiner Arbeit sind Queer- und Gendertheorie, Sexualpädagogik, Diversity und Intersektionalität.