Geflüchtete Jungen und Mädchen in Kitas – Probleme und Herausforderung für Praxis(und)Forschung

Tagungsbericht der Frühjahrstagung der Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit e.V. (BAK-BEK) 

Franz Vergöhl und ich besuchten im April die BAK-BEK-Tagung zum Thema „Geflüchtete Kinder und Familien – Konsequenzen für das Arbeitsfeld der Bildung und Erziehung in der Kindheit“ (25.04.-26.04.) und möchten unsere Erlebnisse mit euch teilen: Die Tagung fand an der Hochschule Magdeburg-Stendal in Stendal selbst statt und stand – wie der Titel verspricht – unter dem aktuellen Thema der Vereinbarung zwischen der aktuellen Situation von Geflüchteten und den Eingliederung in die Kitas. Mit dem Hintergrund der wachsenden Zahl an geflüchteten Mädchen*Jungen in Deutschland, die über kurz oder lang somit auch im deutschen Bildungssystem ankommen werden, wurde sich mit den Leitfragen beschäftigt, welche Herausforderungen sich in der Arbeit mit Mädchen*Jungen und Familien mit Fluchterfahrungen stellen sowie, welche Aufgaben für verschiedene Akteur*Innengruppen bzw. zur Weiterentwicklung des Systems der Kindertagesbetreuung in diesem Kontext notwendig sind. 
Hierzu führte beispielsweise Elke Alsago die aktuellen Missstände an, dass Geflüchtete in Erstaufnahmestellen zunächst keinen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz haben, sondern erst nach 6 Monaten und lediglich ein halboffenes Betreuungsangebot für 3-6 jährige Mädchen*Jungen angeboten wird. Hinzukommend ist die aktuelle Gesundheitsversorgung in den meisten Fällen so geregelt, dass Säuglinge und Kleinkinder nach §2 des deutschen Flüchtlingsgesetz nur allgemeinmedizinisch untersucht werden und somit keine regelhafte Untersuchung durch Kinderärzte gegeben ist. Säuglingsnahrung ist nur selbst zu besorgen oder, wenn gegeben, durch die Kantinen etc. in den Aufnahmelagern selbst zu beschaffen. 
Wichtig und interessant ist zudem, dass am Beispiel Hamburg (Januar 2016) von ca. 2200 Mädchen*Jungen unter 6 Jahren lediglich 800-900 eine Kita aufsuchten bzw. aufsuchten konnten. Kurz gesagt: Die Mädchen*Jungen von geflüchteten Familien kommen in den Kitas nicht an. 
Dringend nötig sind nach Aussage von Alsago somit besonders strategische Entscheidungen über politische Rahmenbedingungen und Konzepte, eine bessere Begleitung der Familien, eine höhere (finanzielle) Ausstattung der Einrichtungen, genauere Informationen über die Betreuungsmöglichkeiten für geflüchtete Mädchen*Jungen, eine psychologische Begleitung des Personals, geeignetere Konzepte für die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen und die Überprüfung der Fachlichkeit des Personals.   

Die BAG-BEK-Tagung beschäftigte sich unter der Vergewisserung der aktuellen Missstände in einzelnen Arbeitsgruppen unteranderem mit den Konsequenzen für die Berufspolitik, Didaktik, Forschung, Fachberatung und der Gesundheit. So wurde sich beispielsweise in der Arbeitsgruppe Berufspolitik mit den Konsequenzen des erhöhten Fachkräftebedarfs, mit Strategien von Kommunen und Ländern bzw. mit erforderlichen inhaltlichen Veränderungen in der Aus-, Fort- und Weiterbildung beschäftigt. In der Arbeitsgruppe Didaktik standen (vorliegende) didaktische Konzepte und Erfahrungen sowie notwendige Bestandteile und Ressourcen für die Arbeit mit geflüchteten Mädchen*Jungen in Kindertageseinrichtungen im Vorderrund. Die Arbeitsgruppe Forschung beschäftigte sich mit Fragen der Forschungsethik sowie der besseren Vereinbarung zwischen Praxis und Forschung. Eine bundesweite Vernetzung der Fachberater*Innen stand im Mittelpunkt der Gruppe Fachberatung und die AG Gesundheit fokussierte die Förderung insbesondere der seelischen Gesundheit der Mädchen*Jungen und Familien in den Erstaufnahmelagern und Folgeunterkünften. Die seelische Gesundheit nahm sich ebenso die Arbeitsgruppe Flüchtlinge zum Thema und beschäftigte sich mit bereits vorhandenen Fortbildungsmodulen einzelner Hochschulen beispielsweise zur Traumapädagogik.  
Entscheidend, so das Ergebnis der Arbeitsgruppe Forschung (in der ich mich mit einbringen konnte), ist im Kontext der aktuellen Lage ein deutlicherer Fokus auf die Praxisforschung in den Einrichtungen beziehungsweise auf eine bessere Kommunikation zwischen Praxis und Forschung in der frühkindlichen Bildung. In den meisten Kitas im Umkreis von Hochschulstandorten herrscht, so bestätigten viele Vertreter*Innen aus der Praxis, eine große Anfrage von Studierenden, die im Rahmen ihrer Module und Projekte in Kitas und anderen Einrichtungen forschen möchten beziehungsweise für ihre Forschungsprojekte werben. Eine Praxisforschung also, die gerade im Kontext der aktuellen Situation der Geflüchteten in Deutschland dringlich ist: Wie viele Mädchen*Jungen nehmen die spärlichen Möglichkeiten der  Kita-Betreuung an? Wie funktioniert der Austausch mit den Mütter*Vätern und welche Kenntnisse und Erfahrungen haben Familien mit Systemen und Institutionen der Erziehung, Bildung und Betreuung in anderen (Heimat-)Ländern gemacht? Dies sind nur drei von vielen Fragen, die unser gemeinsames Feld bearbeiten muss, um den geflüchteten Mädchen*Jungen und Familien professionelle Unterstützung geben zu können. 
Die BAG-BEK macht sich dabei unter Anderem zur Aufgabe die Verzahnung zwischen Praxis und Forschung respektabler und transparenter zu gestalten. Denn in vielen Fällen zeigen sich immer wieder gewisse Missverständnisse, Distanzen und Skepsis gegenüber den Forscher*Innen (in den meisten Fällen Student*Innen) und denen, die die Forschung in ihren Einrichtungen (Träger, Kitas, Gruppen) ermöglichen. Sei es die Kita-Leitung, die sich über die Praktikantin/Forscherin und dessen Hilfe freut und dann verwundert ist, dass diese „lediglich“ den Kita-Alltag beobachtet; oder sei es der Student, der nicht versteht, warum die Erzieherin mit Skepsis darauf reagiert, wenn sie zum zwölften Mal einen Forschungsfragebogen beantworten muss. Berechtigte Skepsis natürlich, da Forschungspraxis auch immer bedeutet, sich nicht nur selbst beobachten und „ausfragen“ zu lassen, sondern auch die eigenen Adressat*Innen (Mädchen*Jungen etc.) quasi einer (unbewussten) Prüfungs- und Kontroll-Situation auszusetzen. Dennoch ist Praxisforschung ebenso besonders wichtig für die Weiterentwicklung von Forschung und Lehre an den Hochschulen und Universitäten bzw. der Studierenden in Studiengängen der frühkindlichen Bildung, der (Bildung in der) Sozialpädagogik, der Sozialen Arbeit und somit dem ganzen Feld, da sie die Relevanz für die Praxis weiter reproduzieren, mit abbilden und weiterentwickeln kann.  

Aufgrund dieser Ambivalenz möchte die Arbeitsgruppe Forschung der BAG-BEK im Rahmen der kommenden Herbst-Tagung am 12.10.2016 einen kleinen Arbeitskreis realisieren, in dem Vertreter*Innen aus Praxis und Forschung an einem Tisch über die Hürden und Chancen der Praxisforschung diskutieren. Zu den Vertreter*innen gehören also Praxispartner*Innen, Kindheitspädagog*Innen sowie Entscheidungsträger*Innen der konkreten Praxisforschung. 

Unter dem Tagungs-Titel Praxisforschung im Dialog entwickeln: widersprüchlich – chancenreich – unverzichtbar? soll ein Austausch über Erfahrungen, Erwartungen und Hoffnungen zur Praxisforschung aus den unterschiedlichen Perspektiven ermöglicht werden. Hinzu kommt die Entwicklung konkreter Fragen im Dialog mit dem Feld und eine kritische Diskussion darüber, wie viel Forschung der Praxis zugemutet werden kann, beziehungsweise wie durch transparentere Forschung ein größerer Mehrwert für die konkrete Einrichtung entstehen kann und somit Ergebnisse nicht nur auf der Ebene der Hochschullandschaft Früchte tragen. Kurz gefasst steht also zunächst der Erfahrungsaustausch mit konkreten Institutionen der Kindheitspädagogik mit Forschungserfahrung im Vordergrund, sowie was eine forschungsangemessene Praxis aus ihrer Sicht ist. Dabei geht es darum, die Praxis ernst zu nehmen sowie die Generierung praxisrelevanter Themen und der notwendigen von Respekt geprägten Haltung auf beiden Seiten zu ermöglichen. 

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die BAG-BEK-Tagung interessante und dringliche Schwerpunkte in ihre Agenda mit aufgenommen hat und in den unterschiedlichen Arbeitsgruppen versucht zu bearbeiten. Die Ergebnisse der einzelnen AG am Ende der Tagung zeigte allerdings, dass sich zu wenig mit dem tatsächlichen Thema der geflüchteten Mädchen*Jungen um und in den Kitas auseinandergesetzt wurde, beziehungsweise werden konnte. Auch in meiner AG Forschung kam das Thema „Flüchtlinge“ viel zu kurz, da zunächst das Problem der Vereinbarkeit zwischen Forschung und Praxis im Vordergrund stand, um überhaupt Praxisforschung für die frühkindliche Bildung und Erziehung mit geflüchteten Mädchen*Jungen zu ermöglichen. Somit bleibt zu hoffen, dass sich die Herbst-Tagung den konkreten Anforderungen durch die aktuelle Situation im weiteren Schritt wieder im Besonderen zuwenden kann. 

Mit vielen Grüßen, Simon Köhler 

Simon Köhler hat an der Leuphana Universität Lüneburg Lehramt für berufsbildende Schulen – Fachrichtung Sozialpädagogik studiert und beschäftigt sich Theorien sozialer Gerechtigkeit im Kontext der sozialen Arbeit.