Ein Lebenslauf oder Hauptsache qualifiziert?!

Ich biete: sehr guten Hochschulabschluss, mehrjährige Praxiserfahrung, den Willen zur Fortbildung. Ich suche: berufliche Entwicklungsmöglichkeiten in einem Arbeitsfeld mit (sozial-)pädagogischen Kontexten. Oft frage ich mich, was in meinem Leben schief gelaufen ist. Antwort: Eigentlich nichts, wäre da nicht dieser absolut falsche Ausbildungsabschluss. 2009 habe ich meinen Magister in angewandten Kulturwissenschaften abgeschlossen (Note 1,3). Seitdem arbeite ich in einer Einrichtung für die außerschulische Betreuung von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen. Die Bezahlung ist schlecht. Nach kürzester Zeit habe ich das Gefühl, ich brauche mehr Input zur pädagogischen Arbeit, sauge aus jedem Gespräch mit befreundeten (Sozial-)Pädagog*innen Praxistipps auf, besorge mir Fachliteratur usw. Die fachliche Kompetenz ist durchaus noch steigerbar. Also, denke ich, eine Fortbildung muss her, natürlich selbst finanziert.

Ein geschlagenes Jahr schreibe ich Emails und telefoniere mit jeder Informationsstelle, die mir genannt wird. Meistens verlaufen diese Telefonate so: „Haben Sie eine Ausbildung als Erzieherin, Sozialassistentin oder bestenfalls ein Studium im Bereich Sozialpädagogik, Soziale Arbeit oder Lehramt absolviert?“ „Studium ja, angewandte Kulturwissenschaften.“ „Nein, das sind Zusatzqualifikationen.“ „Ja, eine Zusatzqualifikation ist genau das, was ich machen möchte.“

Über fünf Ecken; die Stadt Lüneburg „macht“ jetzt in Inklusion, liebe Einrichtungen, bitte nehmt alle teil, egal ob Ehrenamtliche oder Ausgebildete; nehme ich an den Praxistagen Diversity „Alle anders – alle gleich. Vielfaltsbewusstsein im pädagogischen Alltag“ teil. (Fast witzig, da ich an meiner Uni das Konzept Gender und Diversity vier Jahre lang mit aufgebaut habe) An Tag 2, eine Stunde vor Schluss, kommt endlich der Teil auf den ich mich am meisten freue und von dem ich mir viel verspreche: Fragen aus der Praxis an die Praxis. Ich bringe zwei Fallbeispiele im Fishbowle ein. Aus der Runde der 15 Experten, ich bin der einzige Laie, kann niemand mir weiterhelfen, so dass notgedrungen die Referent*innen einspringen und mir zu einer Fortbildung im Bereich Demokratiepädagogik raten. Eine Teilnehmerin sagt: „Wenn Du eine Lösung für Dein Problem findest, schick doch mal ´ne Rundmail über den Verteiler, das würde mich auch interessieren.“ Ok, Fachliteratur her, die zeitliche Freistellung für die Module bei der Arbeit beantragen und los geht´s. Insgesamt werde ich die drei Module nach 1,5 Jahren abgeschlossen haben. Mittlerweile stört mich bei der Arbeit, wahrscheinlich auch durch mein selbst erworbenes Fachwissen, immer mehr das Fehlen eines pädagogischen und inhaltlichen Konzeptes. Also sehe ich mich nach neuen Tätigkeitsfeldern um. Währenddessen unterstütze ich Schulen und Unis als Praxispartnerin mit Vorträgen und Workshops.

In nahezu allen Stellenausschreibungen steht, Quereinsteiger*innen sind willkommen, vergleichbare Bildungsabschlüsse zu den aufgezählten gerne gesehen und Praxiserfahrung sei das entscheidende Kriterium. Welch eine Farce! Die Modularisierung der pädagogischen Ausbildung birgt für mich die Hoffnung, endlich eine Zusatzqualifikation zu erwerben, die mich als Arbeitnehmerin im pädagogischen Kontext attraktiv macht und mir die Chance gibt, beruflich ernst genommen zu werden. Leider regt sich in mir der Verdacht, dass es keine wesentliche Veränderung geben wird und die Modularisierung z. B. der Erzieher*innenausbildung zwar in einer organisatorischen und institutionellen Umstrukturierung münden wird, die Bürokratie jedoch ein Hinaustreten aus dem verstockten Strukturbaum unmöglich macht. Somit wird eine erleichterte Anerkennung von Praxiserfahrung bei artfremdem Abschluss wieder obsolet sein. Erinnert Ihr Euch noch an das Modell „Offene Hochschule“? Nicht? Tja, dann fragt mal in 15 Jahren nach der Modularisierung von Ausbildungselementen.

Mag. Ricarda Heil, Kulturwissenschaftlerin, die momentan in der offenen Kinder- und Jugendarbeit Aufgaben der Mitarbeiter-Organisation, HA-Hilfe sowie Projektarbeit für einen freien Träger übernimmt. Job-Angebote werden gerne weitergeleitet.