Sprachsensibilität in Lehr- Lernsituationen

Alle Lehr-Lernsituationen, an die wir uns erinnern können, waren abhängig von Sprache. Vorlesungen, Seminare, Unterrichtsstunden usw. beginnen eigentlich immer mit einer Begrüßung. Bereits dieser Einstieg hat großen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Unterrichtsstunde. Ist die Begrüßung freundlich und wertschätzend, nimmt eine Unterrichtsstunde sicher einen anderen Verlauf, als nach einer gestressten und bevormundenden Begrüßung. Dabei spielen nicht nur die gesprochenen Worte eine große Rolle, sondern auch andere Faktoren wie z.B. Gestik und Mimik.

Jeder Unterricht hat Sprache als festen Bestandteil. Ohne Sprache funktionieren weder die Kommunikation und Interaktion mit anderen Lernenden, noch das Denken. Die Inhalte lassen sich somit, egal in welchem Fach, nicht ohne sprachliche Kompetenzen verstehen und verarbeiten. Auch um das bereits Verstandene wiederzugeben und darzustellen, braucht es Sprache und sprachliche Kompetenzen. Sprache ist also ein sensibler Faktor für Lehr-Lernsituationen und es kann sein, dass Lernende aufgrund sprachlicher Defizite an den fachlichen Inhalten zu scheitern drohen. Wir alle kennen aber auch das Phänomen, dass uns schwierige Inhalte plötzlich ganz einfach vorkommen, nur weil sie mit anderen Worten erklärt werden.  Pina Wolff hatte in ihrem letzten Beitrag bereits darauf hingewiesen, welche großen Herausforderungen mit verschiedenen Sprachniveaus in einer Lerngruppe einhergehen. Bei der Beschulung von geflüchteten Menschen aus verschiedensten Herkunftsländern sind diese Unterschiede ja auch sehr deutlich und daher für alle gut nachvollziehbar. Doch auch alle anderen Lerngruppen sind durch eine Heterogenität sprachlicher Kompetenzen gekennzeichnet. Niedrige sprachliche Kompetenzen gelten als Hauptursache für schulische Leistungsunterschiede. Sprachliches und fachliches Lernen sind untrennbar miteinander verbunden. Daher fällt die Auseinandersetzung und Förderung sprachlicher Kompetenzen in den Verantwortungsbereich aller Lehrer*innen. Alle Lehrenden benötigen ein Bewusstsein von den spezifischen sprachlichen Anforderungen und Stolpersteinen ihres Unterrichtsfaches, um erkennen zu können, ob und wann ihre Schüler*innen an diesen scheitern könnten. Hinzu kommt, dass die Fähigkeit einen sprachsensiblen Unterricht zu planen und durchzuführen, für alle Lehrer*innen eine elementare Voraussetzung für die durchgängige Sprachförderung ist. Insgesamt tragen sprachsensible Lehr-Lernsituationen auch zur inklusiven Schule bei, indem heterogene Voraussetzungen berücksichtigt, wertgeschätzt und als Ressource verstanden werden.

Damit Lehrer*innen diesen Anforderungen gerecht werden können, müssen sie die hierfür nötigen Kompetenzen bereits im Studium erwerben. In einigen Modulen der verschiedenen Studiengänge findet eine solche Auseinandersetzung auch bereits statt. Es wäre jedoch wünschenswert, wenn diese Auseinandersetzung in viel mehr Modulen verbindlich ist. Hierzu stehen alle gleichermaßen in der Verantwortung. Studierende und Lehrende sollten diese Auseinandersetzung an den entsprechenden Stellen aktiv einfordern.  

Durch das Projekt „UMBRÜCHE GESTALTEN. Sprachenförderung und -bildung als integrale Bestandteile innovativer Lehramtsausbildung in Niedersachsen“, gefördert durch das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache, das Niedersächsische Wissenschafts- und das Niedersächsische Kultusministerium, versuchen die lehramtsausbildenden Hochschulen Niedersachsens die Themen Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache in die lehramtsbezogenen Studiengänge aller Fächer und Schulformen zu integrieren. Die gemeinsame Arbeit für eine Implementierung von Sprachsensibilität in die Module der Lehramtsausbildung lohnt sich.

Wir in Lüneburg freuen uns hierzu weiterhin auf eine gute Zusammenarbeit mit den Modulverantwortlichen und Studierenden. Wir unterstützen alle Interessierten sehr gerne darin, Lehrmaterialien und Lehr-Lernsituationen sprachsensibel zu gestalten. Schreibt uns gerne eine Mail. 

Astrid Neumann ist Pro­fes­so­rin für Di­dak­tik der deut­schen Spra­che am In­sti­tut für Deut­sche Spra­che, Li­te­ra­tur und ihre Di­dak­tik an der Leuphana Universität Lüneburg. Außerdem leitet sie in Lüneburg das Projekt Umbrüche gestalten.

Franz Vergöhl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt Umbrüche gestalten, sowie Vorsitzender des Vereines VEbBS und Mitgründer der Raumvermittlungsplattform SPACITY.