Im Kleinen zu beginnen, lohnt sich…

holger rundForschendes Lernen ist ein hochschuldidaktisches Prinzip, das seit einiger Zeit in zunehmend mehr Studiengängen Anwendung findet und eine große Ausstrahlungskraft entwickelt hat. Unter Anderem ist es fest in der Lehramtsausbildung „Berufliche Bildung in der Sozialpädagogik“ an der Leuphana Universität Lüneburg verankert. Spannend ist nun die Frage, ob dieses didaktische Konzept der Hochschulausbildung auch an einer Fachschule Sozialpädagogik sinnvoll eingesetzt werden kann – also außerhalb des hochschulischen Rahmens in der beruflichen Bildung.

Ziel dabei ist es, sich in der Ausbildung forschend mit der sozialpädagogischen Praxis auseinanderzusetzen, sich also eigenaktiv und fragengeleitet mit den späteren Tätigkeitsfeldern einer Erzieherin oder eines Erziehers zu befassen und auf diese Weise nachhaltig relevantes Wissen zu erwerben. Positive Nebenwirkungen sind selbstgesteuertes und individuelles Lernen, die Verbindung von Theorie und Praxis, eine kritische und systematisch belegte Sicht auf konkrete pädagogische Arbeit, mehr Berufsbezug und stimmige Bezüge zur forschenden Auseinandersetzung von Mädchen und Jungen mit der Welt sowie zur forschenden Haltung in der Wissenschaft.

Eine grundsätzliche Antwort darauf geben Frau Prof. Wustmann und Frau Dr. Karber im Rahmen des Projektes „Ausbildung gemeinsam denken – Bakip (Bundesbildungsanstalt für Kindergartenpädagogik), Universität (Graz) und Praxis im Dialog“ in Österreich http://youtu.be/DEToTfycb50 . Sie haben gezeigt, dass diese Form des Lernens grundsätzlich in der Fachschule erfolgreich praktiziert werden kann. Aber kann das, was in einem wissenschaftlichen Projekt entwickelt und erprobt wurde, auch im Ausbildungsalltag einer Fachschule in Niedersachsen funktionieren? Oft ist es ja so, dass in umfassend vorbereiteten und mit Ressourcen gut ausgestatteten Projekten etwas gelingt, was dann im Alltag keinen nachhaltigen Bestand hat.

Die gute Nachricht: Es funktioniert. Auch im Ausbildungsalltag. So läuft in diesem Schuljahr an den BBS Walsrode zum zweiten Mal eine Unterrichtseinheit in Lernortkooperation, in der das didaktisch-methodische Vorgehen dem Prinzip des forschenden Lernens folgt. Kooperationspartner ist die Integrative Kindertagesstätte Benefeld, eine Konsultationskita des Landes Niedersachsen.  Inhaltlicher Fokus ist das Thema Inklusion, das in der Kita Benefeld den konzeptionellen Schwerpunkt bildet. Dazu lernen die Schülerinnen und Schüler die Einrichtung durch den Besuch von Erzieherinnen kennen, setzen sich mit entdeckendem und forschenden Zugängen beim Wissenserwerb auch in der Kindheit und an Hochschulen auseinander, vertiefen sich in theoretische Themen im Kontext von Inklusion in Kitas, die sie verfolgen wollen, und entwickeln auf dieser Grundlage Forschungsfragen, mit denen sie in die Kita Benefeld gehen, um genauer zu erfassen, was und wie es in der Praxis läuft. Dies geschieht mit Hilfe von Beobachtungen oder Befragungen, die sich am wissenschaftlichen Forschen orientieren. Natürlich forschen sie dabei nicht im engen Sinne. Aber Haltung und Vorgehen entsprechen dem forscherischem Erkenntnisgewinn und Ablauf. Dabei war und ist es sehr hilfreich, dass mit Frau Dr. Karber von der TU Dortmund ein weiterer Kooperationspartner mit im Boot ist, die als Expertin aus dem Hochschulbereich fundiert in forschende Vorgehensweisen und Forschungsmethoden einführen kann.

Was ist erforderlich, damit ein solches Unterrichtsprojekt gelingt: Zum einen natürlich ist es die Motivation der beteiligten Akteure, die alle einen Gewinn in der Kooperation sehen. Die Integrative Kita Benefeld nutzt die Beobachtungen und Rückmeldungen der Fachschüler und -innen zur Reflexion ihrer Konzeption. Frau Dr. Karber erprobt und entwickelt fachdidaktisch weiter, was es an Erkenntnissen zum forschenden Lernens gibt. Und die Fachschule in Walsrode implementiert zielführende und innovative didaktische Konzepte in ihre Ausbildung. Zum anderen liegt der Erfolg aber auch im pragmatischen und eher kleinen Beginn begründet. Small is beautiful, wie Frau Dr. Karber immer wieder sagt. Im Prozess ergeben sich dann Überlegungen und Einsichten, die in kleinen Schritten, aber stetig, dazu beitragen, die Ausbildung in diesem Zusammenhang besser zu machen. Das würde nicht erfolgen, wenn nur der große Wurf gilt. So aber hat es sich bewährt, im Kleinen zu beginnen, auch wenn nur wenige Ressourcen vorhanden und viele Fragen im Vorfeld noch nicht geklärt sind. Das macht Mut! Und könnte auch an anderen Fachschulen dazu führen, sich auf den Weg zu begeben. Dazu kann man gerne in Walsrode, Lüneburg oder Dortmund nachfragen…

StD Dr Holger Küls, Fachberater für Sozialpädagogik bei der Niedersächsischen Landesschulbehörde und Lehrer an den BBS Walsrode (Am Bahnhof 80, 29664 Walsrode), Holger.Kuels@nlschb.de