Die Egal-ität von Gender bzw. Sprachsensibilität

Seit zwei Tagen schwelt ein Diskurs im Newsletter der Zeit, der Elbvertiefung. Wobei Diskurs viel zu hoch gegriffen ist. Es ist vielmehr die Darstellung eines Traditionalismus, die Sprachsensibilität negieren will. Ich weiß mittlerweile nicht mehr, was man dazu sagen sollte, deswegen wende ich mich an Euch. Vielleicht habe ja ich ich einen Fehler in meiner Argumentation. Hier der verlaufende Diskurs. Gestartet hat es mit dem Beitrag von Mark Spörrle am 15.12.2017 in der Elbvertiefung:

Bei uns dagegen keimt eine Genderdebatte. Angesichts dessen, dass die Gleichstellung des weiblichen Geschlechts in unserer Gesellschaft bedauerlicherweise immer noch nicht ganz vollzogen ist, achten manche umso mehr darauf, dass wenigstens Genderformen angemessen Verwendung finden. Einige Verfechter verbaler Gleichstellung schießen dabei übers Ziel hinaus. Vielleicht erinnern Sie sich daran, was im Spätsommer in Flensburg los war. Da beantragte eine Abgeordnete der Linken, »dass ab sofort Arbeitsmittel und -geräte in allen Arbeitsbereichen der Stadt genderneutral bezeichnet werden« – also zum Beispiel der/die ComputerIn, der/die BleistiftanspitzerIn, der/die KopiererIn, der/die StaubsaugerIn … Halt, hoffentlich erinnern Sie sich auch daran: Es war – Satire. (Trotzdem wurde die Flensburger Linke bundesweit bekannt.)

Von Intention und Ernsthaftigkeit her keinesfalls damit zu vergleichen ist die Mail der Dame, die uns gestern erreichte: »Über Erzieher zu lesen irritiert mich als Erzieherin immer«, schreibt sie. »Ich weiß, dass es immer noch gang und gäbe ist, in dieser Form zu schreiben. Doch da vielleicht die Möglichkeit gegeben ist, dies zu ändern: Achten Sie bitte unseren Berufsstand und Stolz. Gerade in den sozialpädagogischen Berufen nehmen wir die Genderformen sehr ernst. Und um das zu wertschätzen, sprechen Sie bitte auch über Erzieher*innen.«

Um darauf zu antworten: Ich habe eine so hohe Achtung vor jenen Vertretern der sozialpädagogischen Berufe, die ihren verantwortungsvollen Job wirklich ernst nehmen, dass ich bislang nicht vermochte, dies an einer Genderform festzumachen. Und wenn, so fragt sich: an welcher überhaupt? Nicht nur die Sternchenform ist in Gebrauch, es heißt auch Erzieher/-innen. Oder ErzieherInnen. Oder auch Erzieher:innen. Man/frau könnte alternativ den Unterstrich verwenden (Er_zieherinnen) und unser wackeres Korrrektorat damit in den Wahnsinn treiben. Oder sich, um eben das nicht zu tun, sich um die konkrete Form herummogeln: Erzieherschaft, Leserschaft, Bürgerschaft (ah! …).

Dann gäbe es noch die genderlose Form mit x, gern verwendet, wenn man/frau beziehungsweise frau/man sich, auch, um absolut jede Diskriminierung zu vermeiden, nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen lassen möchte. Die müsste dann wohl heißen: Erzieherx – wobei: Steckt allein durch das »r« nicht schon viel zu viel Männliches in dem Begriff? Müsste es nicht eher heißen: Erziehex? – nein, denn man könnte da mit bösem Willen glatt eine fiese weibliche Konnotation hineininterpretieren …

Was wäre also richtig? Korrekt? Wie würde frau/man Anhängerinnen und Anhängern aller Formen gerecht werden?

Ich habe eine Frau um Rat gefragt, die sich als sehr emanzipiert versteht und die klar für die Emanzipation der Frau eintritt. Sie schwieg und sagte dann: »Lass uns erst mal dafür sorgen, dass Frauen in Wirklichkeit gleichberechtigt sind.«

Daraufhin habe ich folgende Mail geschrieben:

Liebe Mark Spörrle,

 
bezugnehmend auf ihren Auftakt des Newsletter möchte ich nur zwei Gedankenanstöße geben:
 
1. Wie haben Sie meine bewusst unkorrekte Ansprache in der weiblichen Form wahrgenommen? Haben sie es überhaupt bemerkt, oder haben Sie „Lieber“ gelesen? Falls Sie es bemerkt haben und sich kurz unwohl gefühlt haben, haben sie genau das erlebt, was die Erzieherin täglich durch allgemein „gängliche“ Schreibweise erleben. Sie fühlen sich nicht ernst genommen, gar in ihrer Identität verrückt bzw. in ihrer Schreibweise nicht angesprochen. Und das gerade in einem Berufsfeld, dass in großen Teilen durch starke, selbstbewusste Frauen ausgestaltet wird. – Das kann nur das generische Maskulinum.
 
2. Wenn ich ihren Gedankenanstoß heute morgen richtig verstehe habe ich folgende Argumentation herausgelesen: Ich wurde von einer externen Person durch ihre Bitte einer anderen Schreibweise provoziert. –> Ich antworte ihr indem ich sage, dass ich sie bemerkenswert und für kompetent halte, aber nicht in meiner eigenen Profession der Sprache und Kommunikation. –> Begründen, tue ich das, durch den Verweis auf die Komplexität des Themas und die Vielfalt der Lösungsmöglichkeiten –> Diese Vielfalt lehne ich aber ab, da es viel zu kompliziert wäre und begründe diese mit einem empirischen Einzelbeispiel.
Also summa summarum: Gendern ist kompliziert. Kompliziert ist aufwendig und nicht standardisierbar. Standards werden durch einzelne Meinung begründet.
 
Ist das wirklich die Art und Weise die Sie nutzen möchten um verantwortungsvoll und anerkennend mit einer Anfrage umzugehen?
 
In meiner Wahrnehmung ist folgendes passiert. Eine Person aus der Profession der Sozialpädagogik stellt eine Anfrage an Sie. Dabei bringt Sie zum Ausdruck, dass Sie sich durch ihre Berichterstattung diskriminiert fühle und im Rahmen ihrer Professionalität den Anspruch habe Menschen jedweder Geschlechtlichkeit gleichberechtigt anzusprechen. Sie fordert Sie dazu auf mindestens mindestens zwei Geschlechter in ihrer Schreibweise zu berücksichtigen, da die Mehrzahl der Beschäftigten nicht dem Geschlecht entsprechen von dem sie sprechen.
 
Ihre Antwort will doch nicht wirklich sein: Doch wir halten an einem patriarchal geprägten generischen Maskulinum fest, da es uns zu kompliziert ist.
Komplexität kann doch kein Argument gegen Diskriminierung sein, oder? Besonders wenn sie zur Begründung eine Einzelperson zu Wort kommen lassen. Ist das nicht schon nahe an dem Populismus (der Reduktion der Vielfalt und Faktizität auf einfache unbegründete Antworten) die sich selbst immer wieder kritisieren?
 
Nur ein Gedanke
Hochachtungsvoll
Phillip Diestel
Dieser Mail wurde nur beiläufig geantwortet, was ich auch verstehen konnte, da sicher viele Rückmeldungen bei der ZEIT eingegangen sind.

Lieber Herr Diestel, vielen Dank für Ihre kritischen Anmerkungen zur Genderdiskussion, die wir gerne zur Kenntnis nehmen.

Bitte bleiben Sie uns gewogen! Wir freuen uns auch weiterhin über Ihre Einsendungen – melden Sie sich gerne wieder.

Wir wünschen Ihnen einen schönen Tag!

Vorweihnachtliche Grüße

Ihr Team der Elbvertiefung

Mit dieser Antwort kaum befriedigt, sondern eher als nicht wahrgenommen verstanden, wartete ich auf die große Stellungnahme, die wohl im neusten Newsletter verhandelt werden würde. Was dann kam hatte ich nicht kommen sehen und schockiert mich vollkommen. Das hätte ich von der ZEIT nicht erwartet. Sprachsensibilität scheint für die Journalist*innen von der Zeit kein Thema zu sein. Schade eigentlich. Besonders schade ist dabei auch wie sie mit der ihnen entgegentretenden Kritik umgehen. Von Anerkennung und Wertschätzung der Leser ist eher keine Spur zu sehen. Aber lest selbst und macht euch ein Bild:

Guten Morgen,

so viele empörte Mails, solchen Furor wie nach meinen gestrigen Überlegungen, wie man den sprachlich mit den Geschlechtern umgehen und dabei allen gerecht werden sollte, hatten wir nicht einmal bei der Diskussion um unangeleinte Hunde. Ein Teil derjenigen, die uns schrieben, fühlte sich äußerst provoziert, manche so sehr, dass ich gern darauf verzichte, Details wiederzugeben. Für alle, die ihren Zorn im Rahmen hielten oder sich darauf beschränkten, mich intensivst weiblich zu gendern: Nein, es geht mir nicht darum, die Hälfte der Menschheit samt der gesamten Erzieherschaft zu verunglimpfen, wenn ich aus der Sorge heraus, nie allen gerecht werden zu können – und aufgrund der besseren Lesbarkeit von Texten – auf das Gendern verzichte.

Und möchte ich, einige Empfehlungen aufgreifend, hier einfach mal ein paar Frauen zu Wort kommen lassen, scheint es, als sei die Gender- in Wirklichkeit vielleicht eher eine Generationendebatte. So schrieb eine 60-jährige Soziologinund explizite Befürworterin der weiblichen Genderformen: »Wer nicht genannt/benannt wird, existiert nicht. Wer nicht existiert, kann sich nicht Gehör verschaffen. Wer sich nicht Gehör verschaffen kann, kann nicht auf Missstände hinweisen.«

Eine Kollegin um die 30, die das Thema schon im Studium intensiv beschäftigt hat, plädierte dagegen klar für das von mir verwendete »generische Maskulinum«: »Das findet dann Verwendung, wenn das Geschlecht der bezeichneten Person unbekannt oder nicht relevant ist oder wenn männliche wie weibliche Personen gemeint sind.« Sie verstehe sich selbst »als emanzipiert, und genau deswegen habe ich mich schon immer ganz selbstverständlich mitangesprochen gefühlt, wenn jemand von Journalisten gesprochen hat. Die Formulierungen mit Sternchen, Unterstrich oder Binnen-I finde ich persönlich nicht nur hässlich; nach den Regeln der deutschen Rechtschreibung sind sie auch falsch. Ganz zu schweigen von der sprachlichen Diskriminierung, die damit längst nicht aufgehoben ist – denn was ist mit den übrigen Geschlechtern? Was ist mit Transgender, Intersexuellen, …?«

Und, um zum Schluss noch eine 24-jährige Jungakademikerin zu Wort kommen zu lassen:

»Das Thema Gendern ist ein so nerviges Thema, über das ich mich aufs Neuste jeden Tag ärgern muss. Als emanzipierte Frau fühle ich mich verarscht, gegendert lesen zu müssen! Ich bin ja nicht ungebildet und verstehe ganz klar, dass die Autorenschaft (oh wie gern ich doch nur Autoren geschrieben hätte) alle Geschlechter meint. 
Meine Bitte: Nicht gendern! Ich genieße es jeden Morgen, einen nicht durchgegenderten Text zu lesen. Da macht Lesen wieder richtig Spaß!« 

Apropos Spaß: Nicht unerwähnt lassen möchte ich einen Vorschlag, der gleich mehrfach kam, auch von Frauen. »Sollte man«, heißt es da, »nicht gleich die Er-zieher in Sie-zieher umbenennen?«

Phillip Diestel, Doktorand am ITT der Leuphana. Er promoviert über die „Konstitutionsbedingungen der Person“. Von 2008 bis 2014 hat er Lehramt für Berufsbildende Schulen Fachrichtung Sozialpädagogik und Theologie an der Leuphana Universität Lüneburg und zuvor 2 Semester Philosophie an CAU in Kiel studiert. Von 2008 bis 2010 hat er in der stationären Jugendhilfe für den Internationalen Bund und von 2010 bis 2015 als Honorar- und Aushilfslehrkraft am BBZ Mölln gearbeitet. Seit Anfang 2016 ist er Stipendiat der Stiftung der Deutschen Wirtschaft.