Kurzstellungnahme Referentenentwurf zum SGB VIII von 06.2016

an

BMFSFJ, Träger Bundesebene, Bundesländer

Studiengangstag, Pädagogik in der Kindheit

11. December 2016 – Entwurf –

Kurzstellungnahme und darin exemplarische Anfragen an den Referentenentwurf zum SGB VIII von 06.2016

Sehr geehrte Damen und Herren!

Mit der Fachkompetenz von rund 400 Studiengängen machen wir auf die folgenden bedenklichen, zentralen Punkte der sozialen Konstitution des Entwurfes aufmerksam, die besonders für akademisch professionelle Entwicklungen in der Kinder- und Jugendhilfe fatale Folgen und Wirkungen enthalten:

  • Mit dem Paradigmenwechsel der Grundhaltung von Bildung/ Erziehung und Betreuung zu vorrangig Betreuung und Leistungen rsp. Maßnahmen ist die (sozial)-pädagogische Begleitung im Lebensweltbezugs des lebenslangen Lernens aufgekündigt, einer der zentralen Erfolgsbereiche des KJHG
  • Der organisationsbezogene Paradigmenwechsel in der vorrangigen Steuerung der Leistungen durch die öffentliche Kinder- und Jugendhilfe negiert das Wunsch- und Wahlrecht, das Subsidiaritätsprinzip, das staatliche Wächteramt und die gesamt-gesellschaftliche Verantwortung und weist damit das Grundverhältnis von Solidarität und Subsidiarität des Wohlfahrtsstaates seit mehr als 130 Jahren, erfolgreich in Stadt und Land, zurück, wodurch die existierende pädagogische Fachkompetenz des Feldes empfindlich gestört wird. =“Verkrankenkasslichung“
  • Mit der Verlagerung der Strukturmaxime vorrangig in den Leistungs- und Maßnahmenplanungsprozess werden ganz besonders genderdifferenzierende und sozial-regionale Disparitäten zurückgedrängt bis vernachlässigt oder negiert, deutlich zu Lasten von gerechterer Lebens- und Sozialqualität für die Adressat*innen.
  • Mit der Definitionsverlagerung von Bildung, Erziehung und Betreuung und Hilfen zur Erziehung zu tendenziell unterschiedlichen Leistungen und Maßnahmen ist Fristigkeit und die grundlegende Ko-Produktion (sozial)pädagogischer Interaktion und Kommunikation lebensbegleitender Alltags- und Lebensweltgestaltung ausgesetzt, was grundlegend jedwede personenbezogene Qualitäten der Dienstleistungsarbeit empfindlich und wirkungsmächtig stört
  • Folgerichtig zu solchen neuen sozial-, strukturbildenden Denkgebäuden, die jedes Handeln neu formieren (könnten) – „Es ist nichts mehr drin, was Kinder- und Jugendhilfe ausmachte“ (Schindler 14.6.2016) gibt es dementsprechend keine Fachpersonen, Frauen, Männer oder Queers, auf keiner Organisationsebene, so dass Entpersönlichung, Entfachlichung, Verdinglichung der Handlungsprozesse an die Stelle von verantwortlicher, sozialer Kompetenz und Handlungsfundierung tritt mit leicht vorstellbaren Folgen für Finanzierungen und Minderung jedweder fachlich sozialer Qualitäten – „Verdiscountierung“
  • Mit dem Gesamtmodell ist die Einheit der Kinder- und Jugendhilfe aufgekündigt und die grundgesetzlich verbürgte Berücksichtigung von race, class und gender und die sozialstaatliche Selbstverpflichtung sozial gerechterer Lebensverhältnisse für alle anzustreben, prinzipiell nicht mehr möglich.

So sehr die Zielsetzung „vom Kinde aus zu denken“ und deren Rechtsstellung zu verbessern zu unterstützen ist, so sehr führen die angeführten Punkte in ein Denk-, Organisations-, Handlungs-, Professions- und Fachlichkeitsmodell blankester kapitalistischer geschichtsvergessener Denkungsart, die nur in vielen Einzelwirkungen als menschenverachtend und menschenunwürdig klassifiziert werden kann.

Dies kann nicht gewollt sein und wir sind gerne bereit, das Weiterdenken für eine kompetenzbasierte, professionell-fachliche Kinder- und Jugendhilfe aktiv zu unterstützen.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Maria-Eleonora Karsten

karstenMaria-Eleonora Karsten ist Professorin für Sozialadministration und -management an der Leuphana Universität Lüneburg und Gründungsmitglied bei VEbBS e.V.