Über den Umgang mit Rassismus in der Sozialen Arbeit

>>Anything about us without us is against us!<<

Nubia ist neu im Jugendzentrum Altona und wird von der Erzieherin nach ein paar Tagen freundlich und offen angesprochen:

Erzieherin: „Nubia, sag mir doch einmal, woher du kommst eigentlich.“

Nubia: „Aus Hamburg, warum?“

Erzieherin: „Nein, ich meine woher du ursprünglich kommst.“

Nubia: „Ach so, wir sind von Köln vor zwei Wochen nach Hamburg gezogen.“

Erzieherin: „Nein … also ich meine aus welchem Land du eigentlich kommst … wegen deiner Hautfarbe meine ich doch, also welche Wurzeln hast du?“

Liebe Leser*Innen,

wir benutzen im alltäglichen Sprachgebrauch den Begriff Rassismus oft in Assoziation mit »Ausländerfeindlichkeit« oder »Gewalt gegen Ausländer*innen«. Dabei steckt viel mehr hinter diesem Begriff, als wir oft denken: Rassismus kann in zahlreichen Erscheinungsformen und Strukturen auftreten, von denen einige offen­sichtlicher bzw. sichtbarer sind als andere. So ist Rassismus bspw. immer eng verknüpft und verwoben mit den Kategorien des Geschlechts und der Kultur, mit Hass und Angst vor „den Fremden“, mit Identitäts- und Zugehörigkeitsideologien einer Mehrheitsgesellschaft, mit dem Attribut „Weiß-Sein“; Rassismus ist durchzogen von Herrschafts- und Machtmechanismen, von konstruierten Differenzen, von nationalem Bewusstsein, von unreflektierten Sprichwörtern, von sozialen und medialen Einflüssen, aber auch untrennbar von historisch gewachsenen und mitunter aus der Kolonialzeit entstandenen Bildern und Zuschreibungen von „fremden, unterprivilegierten Kulturen und Kollektiven“. Weiter gibt es bedeutende Unterscheide zwischen Formen von Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und Diskriminierung, zwischen einem „klassischen“ und einem Neo- oder Kultur-Rassismus, zwischen einem tabuisierten und etablierten Rassismus (Ausgrenzung bei Bewerbungen aufgrund von Hautfarbe vs. Polenwitze beim Feierabendbier), zwischen körperlicher rassistischer Gewalt und rassistischen Äußerungen, zwischen strukturellem/institutionellem Rassismus und Alltagsrassismus, usw. Nein, diese Liste ist nicht abgeschlossen.

Rassismus bzw. dessen Erscheinungsformen und Effekte also in einem kurzen Beitrag kritisch zu beleuchten, zugehörige Begriffe und Verhältnisse kritisch zu hinterfragen und voneinander abzugrenzen sowie dabei auf die Strukturen innerhalb unseres Feldes einzugehen, grenzt also eigentlich an einer Unmöglichkeit und benötigt strenggenommen mehr als den kurzen Blick in diesen Diskurs. Denn gerade weil Rassismus strukturell und historisch in unserer Gesellschaft tief verankert ist und somit auch in uns selbst teilweise verwoben scheint, ist die Sensibilität für und die Auseinandersetzung mit rassistischen Äußerungen und Handlungen oft zu oberflächlich und oder für Personen, die selber nie rassistische Erfahrungen machen mussten, auch in erster Reflexion vielleicht unverständlich oder nicht sofort sichtbar. Bspw. wenn es sich um eine doppelte oder dreifache Form von Rassismus und Diskriminierung handelt (oft Mehrfachdiskriminierung genannt), in der eine deutsch/türkische Staatsbürgerin mit Kopftuch in rassistischer Manier nicht nur als eine „Fremde“, sondern auch als eine passive Frau betrachtet wird, der nach dem Vorbild einer „westlichen Frau“ zur Emanzipation verholfen werde müsse. Oder wenn wie in der Eingangserzählung, die neue Besucherin des Jugendzentrum – trotz der vielleicht gut gemeinten Offenheit der Erzieherin – durch das alleinige Merkmal der Hautfarbe als fremd kategorisiert wird. Unterschiedliche Formen und Strukturen von etablierten Rassismen werden zudem verstärkt, wenn Angehörige der „weißen Mehrheitsbevölkerung“ über Rassismus urteilen und diskutieren, aber nicht die Menschen und Menschengruppen in den Prozess einbeziehen, die selbst von Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung betroffen sind.

Nun aber einmal durchatmen und zurück zu unserem Feld der Sozialen Arbeit/Sozialpädagogik: Warum wähle ich dieses Thema (das offensichtlich leicht überfordern kann) in Form eines kurzen Beitrags und warum ist dies für mich und für die Soziale Arbeit aktuell so bedeutend, ist unsere Profession doch schon immer um die Menschen/-Gruppen bemüht, die sozial, finanziell, teilhabebezogen und kulturell (usw.) benachteiligt werden?

Durch die zunehmende physische rassistische Gewalt gegenüber geflüchteten Personen und dessen Unterkünften in Deutschland, durch die systematische Diskriminierung von People of Color im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt, durch zunehmenden Antisemitismus, antimuslimischen Rassismus und Rassismus gegen Roma*Sinti, durch Verringerung der Rechte von Personen im Asylverfahren und mit einer Duldung, durch systematisches racial profiling der Behörden, durch die EU-Grenzpolitik und durch völkisch-rassistische Bewegungen und Parteien wie Pegida und AfD, muss die Soziale Arbeit die Bedeutung der Auseinandersetzung mit und der Kritik an Rassismus, Nationalismus und Diskriminierung verstärkt in den Blick nehmen, um nicht nur auf der Handlungsebene sensibel und kritisch-reflexiv mit den Effekten des Rassismus umgehen zu können, sondern um sich genauso gesellschafts-politisch dem rechtspopulistischem Druck vehement entgegen zu stellen. Denn wenn rechtspopulistische und nationalistische Parteien und Agenden weiter in das Zentrum der gesellschaftlichen Mitte rücken, so wird auch die Soziale Arbeit zukünftig vermehrt mit solchen Entscheidungen kämpfen müssen. Dass die Soziale Arbeit in ihrer gesellschafts-politischen Dimension in vielen Beispielen immer noch eine kaum hörbare Rolle einnimmt und wir uns alle für eine deutlich gerechte Entlohnung (gerade der Frauen*) und Anerkennung unserer Arbeit STARK machen sollten, ist dabei eine andere Diskussion.

Ich möchte mit diesem kurzen Beitrag aber darauf aufmerksam machen, dass Rassismus in unserer Gesellschaft immer noch verankert, (teilweise neu) etabliert und aber gleichzeitig auch nicht immer sofort sichtbar ist. Als Akteur*in der Sozialen Arbeit dabei einfach zu sagen: „Ich bin nicht rassistisch und ich verhalte mich auch nicht so“, wird der Komplexität von Rassismus leider nicht gerecht. Wir müssen uns als Erzieher*innen, Student*innen, Lehrer*innen, Lehrbeauftragte usw., die kritische Auseinandersetzung und Artikulation von Rassismus sowie dessen vielfältige gesellschaftliche Verstrickung einmal neu als Querschnittsaufgabe unserer professionellen Arbeit auf die Fahnen schreiben. Wir müssen nicht nur Farbe bekennen und uns gegen rassistische Äußerungen von Kolleg*innen, Instanzen, Vorgesetzten und anderen Personen des beruflichen und privaten Alltags zu Wehr setzen, sondern wir müssen genauso unsere eigenen Einstellungen und Privilegien kritisch hinterfragen. Weiß ich wie es sich anfühlt, auf der Straße schief beäugelt zu werden? Spielen bei mir während der Wohnungssuche meine Hautfarbe oder meine Deutschkenntnisse eine Rolle? Werde ich immer wieder über meine „Wurzeln“ ausgefragt? Ich spreche hiermit also besonders die Akteur*innen unseres Feldes an, die keine rassistischen (und vielleicht auch keine frauenfeindlichen, homophoben, antisemitischen und vergleichbaren) Erfahrungen machen müssen und denen das kritische Reflektieren des eigenen „Weiß-Sein“ oder des eigenen „Deutsch-Seins“ vielleicht noch nie wirklich bewusst geworden ist, wie mir zu Beginn. Denn schnell laufen wir ansonsten Gefahr, die bestehenden und etablierten Sichtweisen auf das, was uns „normal“ erscheint, nicht von vorn herein kritisch zu hinterfragen und vergessen somit, genau die Menschen miteinzubeziehen, die in erster Linie in dieser Diskussion eine Stimme haben sollten.

Ohne eine kritische Reflexion und Betrachtung von gesellschaftlicher Normalität und ohne die Einbeziehung, Mitbestimmung, ich möchte eigentlich sagen der ERSTEN Stimme derer, die von eben diesen Prozessen berührt und betroffen sind, wird unsere Arbeit niemals Soziale Gerechtigkeit realisieren können.

Herzlich, Simon Köhler

Ein Einschätzungsbericht über die Bedeutung von Rassismuskritik in der Sozialen Arbeit des Promotionsstudenten der Fakultät Bildung Simon Christoph Köhler (M.Ed.), Leuphana Universität Lüneburg

 

PS: Ich sehe somit auch VEbBS als starke Partnerin, vielleicht in naher Zukunft überfordernde und teilweise auch sprachlos machende Rassismuserfahrungen in der Sozialen Arbeit in Form von Netzwerktagung oder Geschützen Räumen zum Thema zu machen, da ich Netzwerkarbeit und Austausch über Erfahrungen, Ängste und Probleme in diesem Kontext für sehr wichtig halte.