Abschied wider Willen

Als ich vom Vorstand des VEbBS gebeten wurde, einen Artikel anlässlich der Verabschiedung von Professor_in Maria-Eleonora Karsten (fortan: Marile) zu schreiben, sicherte ich gleich zu. Ich schreibe nicht das erste Mal einen Artikel und es wird auch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, wie es die Jurist_innen ausdrücken würden, nicht der letzte Artikel sein. Aber dieses Mal wurde es sehr schwer- Immer wieder musste ich von neuem beginnen, wie sollte ich den Artikel anlegen? Wissenschaftlich? Persönlich? Gar in ‚Ich-Form‘? Schwierig, was würde ggf. Marile denken?

Ich habe mich entschieden- es wird ein persönlich- ein zutiefst subjektiver Artikel werden…nicht ganz ungefährlich in einem wissenschaftlichen Kontext…aber wie sagte der dänische Philosoph und Existenzialist Sören Aabye Kierkegaard treffend: „Das Große ist nicht, dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein“. Wenn man diesen Artikel als Geschenk verstehen mag, dann ist die Ich-Form passend und auch der durchaus persönliche Schreibstil.

Am Freitag, den 07.04.2017 wurde Marile nun offiziell in den Ruhestand versetzt… eine Menge Leute waren gekommen, um die ‚Frau in Blau‘ zu würdigen. In den verschiedenen Reden wurde eines sehr deutlich: Marile hinterlässt etwas….sie ist streitbar, auf eine (wie ich mittlerweile finde) angenehme Art unangenehm, sie macht den Mund nie zu (naja abgesehen davon wenn sie raucht- was Freud dazu wohl sagen würde)…egal. Auf dem Podium, dass von Melanie Kubandt geleitet wurde, hatte ich die Ehre, reden zu dürfen… es ging also um Geschichten (auch um die Frage nach Professionsgeschichte!) und ich erzählte von der ersten Begegnung mit Marile, wie wir uns anschrien in ihrem Büro, weil es Überschneidungen mit unserem Stundenplan gab und ich im ersten Semester Panik hatte die 30 CPs zu erreichen. Ein zentraler Satz blieb mir aus diesem Disput hängen „Hören sie auf Schüler zu sein und beginnen sie endlich zu studieren“… Frechheit, dachte ich, erst Fehlplanen und mir nun unterstellen, ich solle studieren wollen und nicht Schüler sein… Letztlich drohte ich mit meinen Eltern und dem Anwalt…. Das Problem konnte geklärt werden und wir konnten weiter studieren ohne Probleme …. aber das Anschreien hing mir nach, noch nie hatte ich einen „Vorgesetzten“ angebrüllt…. Aber da ich die Frau in Blau auch nicht zuordnen konnte, war mir das erstmal egal…bis zum kommenden Montag…‘Plenum‘ wer kam rein? Marile…. Scheiße, dachte ich, nun bin ich geliefert. „Guten Tag Herr Hierholzer“, sagte Marile recht freundlich…. Ich wäre am liebsten im Boden versunken, aber nützte ja nix, nun würden wir die kommenden sechs Semester jedes Semester zusammenarbeiten dürfen.

Bis hier hin ist die Geschichte den meisten Teilnehmenden der Tagung bekannt, da ich sie auch so auf dem Podium vortrug. Was nun aber auf Grund des Zeitmangels fehlte, war, was ich lernen durfte und was mich auch bis in die Gegenwart hinein prägt.

Kleingeistige Menschen hätten nun wahrscheinlich ihre Position ausgenutzt, um mich runterlaufen zu lassen….dies tat Marile nie…gestritten haben wir uns oft heftig! Über die gemeinsame Zeit…um die Frage danach, ob Menschen ohne Menstruationshintergrund im Plenum nun auf alle Fragen antworten dürften, wenn sich kein Mensch mit Menstruationshintergrund[1] meldet, oder ob dies nicht ein Zeichen patriarchaler Herrschaftsstrukturen sei und ob der homosexuelle Studierende dann als marginalisierte Gruppe nicht ein „besonderes Rederecht“ verlangen könnte oder gar Menschen besonderer Quoten bedürften, die nicht in ein dichotomes Geschlechterverhältnis passen würden-heute gerne von Marile als Queers beschrieben.

Retrospektiv betrachtet habe ich anhand der beiden geschilderten Situationen viel lernen können. In der Frage nach Studieren, konnte ich lerne,n Regeln nicht dogmatisch zu befolgen, sondern auf dessen Gehalt hin zu hinterfragen und mich ggf. auch aufzulehnen (im Schulsystem eine unerlässliche Qualität wenn man nicht mit A 13 und Feriengedanken enden möchte!). In der zweiten Situation habe ich gelernt, dass Marile- und dies ist die wohl Relevanteste aller Fähigkeiten- eines kann, die eigene Haltungen überdenken und ggf. für nichtig zu erklären, ohne sich einen Zacken aus der Krone zu brechen…diese, wie ich finde, demütige Haltung dem Leben gegenüber, ist es, was Marile für mich besonders macht. Dieser Haltung entspringt ihre Fähigkeit, die Kontemplation in einer rasenden Geschwindigkeit erreichen zu können. Und dann nicht nur einen möglichen, neuen Impuls zu geben, sondern auch lächelnd zurückzutreten und zu sagen „Ach ja, dieser ganze Zirkus um Titel….wen interessiert das eigentlich wirklich“. Diese Haltung ist neben all dem Lauten das, was mich am meisten an Marile fasziniert und was sie für mich zu einer Bereicherung meines Lebens macht.

Vielen Dank dafür Marile

Dein Stefan

[1] Damit mir nicht nochmal der Vorwurf gemacht wird ich sei sexistisch hier die Quelle aus queerfeministischer Perspektive geschlechtliche Bezeichnung auch vornehmen zu können http://transintersektionalitaet.org/wp-content/uploads/2014/12/web_tis_brosch_aufl_2_140931.pdf

Autor*in: Stefan Hierholzer, Absolvent*in der Leuphana Universität Lüneburg im Bereich LBS Sozialpädagogik und Politologie. Schwerpunkt seiner Arbeit sind Queer- und Gendertheorie, Sexualpädagogik, Diversity und Intersektionalität.