Kommentar zum Wahlprogramm der SPD

Das Wahlprogramm der SPD liest sich wirklich sehr angenehm. Es werden Themen benannt, für die Erzieher*innen in den letzten Jahren vieler Orts, mit Trillerpfeifen auf die Straße gegangen sind: Aufwertung der Erziehungs- und Pflegeberufe, mehr Anerkennung in der Gesellschaft, Erhöhung der Entlohnung. Sogar die vergütete Ausbildung steht nun schwarz auf weiß in einem Wahlprogramm einer großen Volkspartei. Einer Partei, die den Anspruch erhebt die künftige Regierung anzuführen. Sind damit alle sehnlichsten Wünsche erfüllt und das Feld auf lange Zeit gerettet? – Ich befürchte es ist ein wenig komplizierter. Unbenommen, der Rechtsanspruch auf einen KiTa-Platz und die von der SPD beschworene Fachkräfteoffensive klingen unglaublich gut, wenngleich man noch nicht so genau weiß, was sich dahinter bürokratisches verbergen mag.

Aus den Erfahrungen, die ich mit dem ESF-Modellprogramm „Quereinstieg – Männer und Frauen in KiTas“ an der Kooperationsschule BBZ Mölln sammeln durfte ist der Weg zu einer vergüteten Erzieher*innen-Ausbildung wahnsinnig spannend, aber momentan noch vollkommen System inkompatibel. Ohne Frage haben der Täger KinderWege gGmbH und die Abteilung für Sozialpädagogik in Mölln unglaubliches geschafft, jedoch meist nur durch den Willen zum Andersdenken und jede Menge Kreativität. Um einen Eindruck zu vermitteln, was mit der Systemänderung auf alle Akteur*innen zu kommen wird, seien hier nur drei Punkte angesprochen.

  1. Vollzeitschulische Ausbildungen funktionieren momentan mit einen wechselseitigen Theorie-Praxis-Transfer aus Theorie in der Schule, Erleben und Ausprobieren in der Praxis und der Reflexion in der Schule. Das kann praxisintegriert oder im Schul-/ Praxiswochen-Wechsel organisiert sein. Wichtig dabei ist jedoch, dass die*der Praktikant*n in den Praxisphasen Erzieher*innen-Aufgaben erprobt, ohne dabei Teil des Betreuungsschlüssels zu sein. Es ist somit eine additive Kraft, die eigenständig unter Anleitung Erfahrungen sammeln kann, um diese dann Theorie geleitet in der Schule reflektieren zu können. Innerhalb der momentan existenten technologisierbaren Ausbildungsberufen übernehmen Auszubildende relativ zügig Aufgaben im Produktions- / Dienstleistungskreislauf. Diese vielfach Assistenz-Aufgaben fallen jedoch nicht in das zu erprobenden Aufgabenfeld einer eigenverantwortlich handelnden Erzieher*in. Dies führt uns zur ersten Herausforderung: Im Rahmen des ESF-Projektes wurden die Erzieher*innen-Schüler*innen im ersten Jahr voll durch das Projekt finanziert. Im zweiten Ausbildungsjahr zu Teilen und im dritten wurden die „Auszubildenden“ dann nach Zwischenzertifizierung als sozialpädagogische Assistent*innen eingestellt und voll durch den Träger finanziert. Somit haben die „Auszubildenden“ mindestens im dritten Jahr einen Rollenkonflikt. Zum einen sollen sie laut Betreuungsschlüssel Assistenz-Aufgaben als Azubi oder später als sozialpäd. Assistent*innen erfüllen, wofür sie bezahlt werden und zum anderen sollen sie als Praktikant*innen Erzieher*innen-Aufgaben erproben.
  2. Das führt auch die Träger, also Kommunen  und Vereine, Kirchen etc. vor große Herausforderungen., da diese abseits der momentanen Finanzierung über Kontingente und Betreuungsschlüssel nun Auszubildende finanzieren müssen, die nicht Teil der Berechnungsgrundlage sein dürfen. Wie dieser Engpass bei versprochenen stetig sinkenden KiTa-Gebühren für Eltern bewältigt werden will ist noch ungeklärt.
  3. Der dritte Punkt ist jedoch der spannendste: Momentan werden die Qualitätsstandards der vollzeitschulischen Ausbildung zur Erzieher*in im Rahmenvertrag in der KMK beschlossen und durch die Länder in ihren jeweiligen Bildungsministerien etc. ausbuchstabiert. Man kann also davon sprechen, dass die Inhalte und Rahmenbedingungen, sowie die Kriterien der Qualität staatlicherseits bestimmt, z.T. durch Wissenschaftler*innen inspiriert und reflektiert sowie durch im besten Falle verbeamtete Studienräte u.a. qua Fakultas verantwortet. In dualen beruflichen Ausbildungskontexten bestimmen aber die Meister und Innungen, also die Praxis, über Interessenvertretungen, wie die IHK, entscheidend mit. Will man den Weg in die duale Ausbildung für Erzieher*innen gehen, so braucht es dann auch eine Art Praxisrückkopplung, die durch Interessenverbände organisiert wird. Dies wir eine spannende Auseinandersetzung, deren Akteur*innen bisher noch unbenannt sind. Der Berufsverband VEbBS e.V. kann sich als Interessenvertretung und Moderation in diesem Fall wärmstens empfehlen.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Ideen, die im Wahlprogramm der SPD formuliert wurden, auf jeden Fall in die richtige Richtung weisen und viele Herzenswünsche, der immer noch gesellschaftlich wenig anerkannten Frauenberufe, wie die der Erzieher*in, ernst nehmen. Fraglich bleibt jedoch, ob die Tragweite und die Spezifika der personalen Dienstleistungsberufe mitgedacht wurde. Wir begleiten diesen Prozess gerne kritisch weiter.

 Phillip Diestel studierte LBS Sozialpädagogik und Theologie in Lüneburg. Er ist Gründungsmitglied und Vorstand bei VEbBS e.V. und arbeitet momentan als Referent für Freiwilligendienst im Bereich FSJ-Schule beim Jugendwerk der AWO SH e.V.