Kommentar zum Wahlprogramm der FDP

Die FDP erklärt mit dem Aufbau ihres Wahlprogramms Erziehung und vor allem Bildung zu einem der Hauptthemen in diesem Wahlkampf. Sie wollen die „weltbeste Bildung für Jeden“ und setzen diesen Punkt ganz nach oben in ihrem Wahlprogramm (vgl. Wahlprogramm 2017: 21). Selbstständigkeit, Selbstbestimmung und Verantwortung für die Familie und Gesellschaft übernehmen zu können, wird als Ziel dieser Maßnahmen in Schule, Studium und Beruf formuliert.
Die FDP will den Bildungsföderalismus grundlegend reformieren und einheitliche Abschlussprüfungen, um einen deutschlandweit einheitlichen Bildungsstandard zu ermöglichen. Diese Standards sollen von den Schulen eigenständig realisiert werden. Welche Maßnahmen hierfür konkret getroffen werden müssen und welche Konsequenzen diese Forderung auf den einzelnen gesellschaftlichen Ebenen haben könnte, darauf wird in diesem Wahlprogramm nicht weiter eingegangen. Die FDP fordert die Finanzierung von Schulen und Kindertageseinrichtungen auf Bildungsgutscheine umzustellen, unabhängig davon, ob die Institutionen in freier oder staatlicher Trägerschaft sind. Die Bildungsgutscheine können von den entsprechenden Einrichtungen beim Staat eingelöst werden und sollen für mehr Transparenz sorgen und als Anreiz für die Qualitätssicherung dienen. Für mich klingt ein solches Konzept nach einem hohen und zusätzlichem bürokratischem Aufwand, der die Leistungen für den Staat transparenter, möglicherweise zu transparent macht. In diesem Wahlprogramm wurde bedacht, dass gute Kindertageseinrichtungen auch gutes Personal und einen höheren Betreuungsschlüssel benötigen. Ermöglicht werden soll dies durch eine bessere Bezahlung und qualifiziertes Personal. Wie genau dies realisiert werden kann, welche Mittel hierfür langfristig benötigt werden und welcher struktureller und bürokratischer Aufwand für auf die zukünftigen Verantwortlichen zu erwarten sind, wird im Wahlprogramm nicht ausformuliert. Die Digitalisierung in Schule und Ausbildung ist ein relativ neues Thema und wird in diesem Wahlprogramm anhand konkreter Vorschläge thematisiert. Unter Einsatz von Breitbandverbindungen und drahtlosen Netzwerken an Schulen soll die Nutzung von diversen online Tools beispielsweise „Massive Open Online Courses“ ermöglicht werden, um so das Lernen zu individualisieren und lebenslanges Lernen zu unterstützen. Mithilfe von 1000 Euro zusätzlicher Ausgaben pro Schüler*in soll dieses Vorhaben realisiert werden, somit käme auf Bund und Länder eine zusätzliche finanzielle Belastung zu, die nur mit einer durchdachten Planung und entsprechenden Expert*innen zu einer erfolgreichen Verbesserung der digitalen Nutzung von Medien an Schulen führen kann. In einem weiteren Schritt soll über eine Anerkennung solcher online Kurse durch Arbeitgeber oder als Studienleistung entschieden werden. „Zukünftig müssen alle Ausbildungsberufe ausschließlich mit digitalen Medien unterrichtet werden und das Fach Informatik wesentlicher Bestandteil der berufsschulischen Ausbildung sein (ebd.: 33).“ Eine solche Forderung ist meines Erachtens nicht ausreichend durchdacht und zu einseitig formuliert und Schüler*innen, die aufgrund bestimmter Einschränkungen nicht in der Lage sind, solche Technik zu nutzen werden hier nicht berücksichtigt. Des weiteren würde eine solche Umstrukturierung meiner Einschätzung nach den Unterrichtsausfall bedingt durch technische Probleme erhöhen und Schulen für Hacker angreifbarer machen und darüber Nachteile entstehen, die sich für Lehrende ergeben könnten, die nicht mit digitalen Medien vertraut sind. Begabte Schüler*innen sollen an Schulen systemisch gefördert werden, beispielsweise durch eine verbesserte diagnostische Kompetenz der Lehrenden (vgl. Wahlprogramm 2017: 27). Weitere Forderungen im Wahlprogramm sind die Anhebung der Finanzhilfen für Schulen in freier Trägerschaft, Stärkung der dualen Ausbildungsberufe, Stipendien für mindestens 15 Prozent der Studierenden und einen flexibleren Einsatz von Arbeitskräften in der Zeitarbeit.
Das Lehramtsstudium soll durch eine frühe, benotete Praxisphase im Grundstudium verbessert werden und der Quereinstieg in das Lehramtsstudium soll durch berufsbegleitende Aufbaustudiengänge vereinfacht werden. Schulen sollen mehr Freiheit haben bei der Wahl, ob sie Quereinsteiger einstellen wollen. Unterstützt wird dieses Vorhaben mithilfe von verpflichtenden und regelmäßigen Fortbildungen für Lehrkräfte. Ob eine solche Veränderung die Qualität der Arbeit erhöht, bleibt abzuwarten und ist innerhalb der Diskussion um die Qualitätssicherung in diesem Bereich umstritten. Die FDP fordert Sprachförderung für Vorschulkinder, um sicherzustellen, dass soziale, berufliche und politische Teilhabe allen Menschen ermöglicht wird. Inhaltlich wird jedoch nicht weiter auf die Ausgestaltung und darauf eingegangen, welche Kinder eine solche Sprachförderung benötigen. Daher befürchte ich, dass es eine weitere Möglichkeit zur Stigmatisierung bereits benachteiligter Personengruppen darstellt. Die FDP fordert unter anderem eine Online-bereitstellung von Unterrichtsmaterialien an Hochschulen, eine Forderung, die wie ich finde an unserer Universität zu Teilen schon erfüllt wird. Es dürfen hierbei keine Rechte Dritter verletzt werden. Wie genau sich diese Forderungen erfüllen ließen – unter anderem im Hinblick auf die Streitigkeiten mit der VG-Wort – wird im Wahlprogramm nicht weiter thematisiert. Das Wahlprogramm beinhaltet noch viele weitere Forderungen, die hier aufgezählten sind meiner Meinung nach nicht einmal in zwei Legislaturperioden zu realisieren, daher wirkt das Vorhaben auf mich utopisch. Des weiteren fehlt es an konkreten Vorschlägen zur Realisierung der einzelnen Punkte. Der starke Wunsch nach Standardisierung macht auf mich den Eindruck, als sei es möglich, Menschen in eine Form zu pressen, um ihnen die gewünschten Kompetenzen zu verleihen und sie entsprechend vorzubereiten. Es stellt sich mir die Frage, ob unter all diesen Forderungen schließlich die Individualität leidet. Falls euer Interesse am Wahlprogramm der FDP geweckt wurde findet ihr es hier: Entscheidet selbst, wen ihr wählen wollt, aber informiert euch bitte vorher über die Inhalte!

Isabell von Malottki studiert an der Leuphana LBS Sozialpädagogik und Evangelische Religion und  ist im Vorstand von VEbBS e.V. Referentin für Qualitätsentwicklung.