Eine weihnachtliche Selbstreflektion

„…es weihnachtet sehr.“

Diese Zeile des berühmten Gedichtes „Knecht Ruprecht“ von Theodor Strom beschreibendie jetzige Zeit sehr umfassend. Dabei wird auf subtile Art deutlich, dass Weihnachten eigentlich kein Substantiv ist, sondern genau genommen ein Verb. Wir weihnachten. Aber was ist dieses weinachten? In der Adventszeit ist mir an mir selbst aufgefallen zwischen meinem Beruf und der Arbeit für VEbBS, dass wir uns kaum noch Zeit für dieses weihnachten nehmen. Wir drängen… drängen uns in vollen Kaufhallen um die letzten Geschenke, besuchen den Weihnachtsmarkt in feuchtfröhlicher und kalorienreicher Ausgelassenheit zwischen zwei Terminen oder als After-Work-Party und versuchen alle die Weihnachtsfeiern von Beruf bis Verein und vielleicht dann noch mit der Familie in unseren knappen Terminkalendern zu vereinen.  

Und plötzlich wie aus dem Nichts ist Weihnachten und wir sind in der selbstauferlegten Weihnachtsruhe vollkommen überfordert von …Zeit. Zeit, die ohne Handy, Tablet und Laptop wie Kaugummi zäh verrinnt. Was sollen wir nur tun mit all der Zeit? Vielleicht sollten wir uns ein Beispiel an den Kindern nehmen, die mit Spannung und erwartungsschwangerer Hoffnung einen Wunschzettel an den Weihnachtsmann/ das Christkind schreiben, die ungeduldig auf der Treppe vor der Stube hin- und her rutschen, um auf das Glöckchenläuten zu warten, die mit glänzenden Augen zum ersten Mal den Tannenbaum erblicken und mit übergroßen Augen nach den Geschenken luschern. Diese Magie des Augenblicks, die eine Welt der Wunder und Hoffnung auf etwas Unerklärliches aufspannt, lässt sich in dieser Naherwartung in der Advents- und Weihnachtszeit deutlich spüren. Haben wir dieses ‘weihnachten‘ als Erwachsene verloren?

Christ*innen nehmen sich alljährlich im Jahreszyklus eigentlich genau dieses vor. Sie gedenken einem Wunder, dass eigentlich die menschliche Vorstellungskraft sprengt: Gott selbst ist als machtloses Kind in Armut auf die Welt gekommen. Der Schöpfer der Welt liegt hilflos in Windeln in einer Futterkrippe und kommt nicht mit himmlischen Heerscharen als triumphierender Retter durch Waffengewalt auf die Welt. Sein Schwert ist die Liebe, die sich schutzlos offenbart und den Menschen und der Welt hingibt. Solch ein Wunder ist wahrlich schwer zu fassen – und zu begreifen noch weniger. Christ*innen gedenken in dieser Zeit jener faszinierenden Überlieferung, die sich uns erst als Geschichte im Herzen erschließt. Der Zeit der Ankunft Christi, dem Advent – wo Gott als Kind auf die Welt gekommen und Mensch geworden – Ein unfassbares Wunder.

Und um genau diese Wahrnehmung der Wunderhaftigkeit der Welt geht es, welche wir den Kindern noch zugestehen, uns erwachsenen, rationalen und aufgeklärten Menschen jedoch verwehren. Wir lassen uns gefangen nehmen in ökonomischen Zeitstrukturen und sind überfordert mit Besinnlichkeit und Gelassenheit. Jedoch gerade das kann den Zauber von Weihnachten und eine gelassene Hoffnung auf die Liebe ermöglichen. Nicht nur für die Menschen unseres Herzens, sondern für alle Herausforderungen in der Welt. Oder wie man es frei nach dem Ende des Romans „Schweinsgalopp“ des britischen, systemkritischen Fantasy-Autor Terry Pratchett so passend formulieren könnte: Wir müssen an die kleinen Lügen im Leben, wie z.B. Weihnachten glauben um ebenso an die großen Ideen der Gerechtigkeit, Liebe etc. glauben zu können

Ich wünsche Frohe Weihnachten und wünsche euch*Ihnen, dass du*Sie die Gelegenheit ergreifst*en mal wieder wie ein Kind zu weihnachten.