Evaluation ist Trumpf – nur für wen?

Ich unterrichte gerne als Dozent an der Leuphana Universität in Lüneburg, da mich der Diskurs mit den Student*innen reizt. Als Lehrbeauftragter verdient man damit jodoch wirklich kein Geld. Jedenfalls nicht, wenn man wirklich die Stunden zusammenrechnen würde, die man in Vor- und Nachbereitung, Beratung und, ich möchte das eigentlich gar nicht laut sagen, die Korrektur und Bewertung von Hausarbeiten aufwendet. All diese Zeit wird nämlich nicht in die Honorarverpflichtung eingerechnet. Vielmehr bekommt man als Lehrbeauftragte*r nur die Präsenszeit bezahlt. Aber ich möchte mich an dieser Stelle darüber gar nicht beschweren, sondern auf einen anderen Punkt hinweisen. Als gute*r Dozent*in bin ich aufgefordert in jedem Semester in meinen Lehrveranstaltungen eine Evaluation durchzuführen. Diese Evaluation wird vom Team EVA im Rahmen der Qualitätsentwicklung der Lehre durchgeführt und soll zur Überprüfung und Erhebung der Qualität der Lehre führen. Dabei werden standardisierte Fragebögen mit einem Basismodul wie auch selbstgewählten Erweiterungen von der*dem Dozent*in zusammengestellt, von den Student*innen ausgefüllt, vom EVA-Team ausgewertet und können dann wieder als Diskussionsgrundlage für das Seminar dienen. Die Auswahl der Möglichkeiten, wozu die Student*innen befragt werden, liegt also in der Verantwortung des*der Dozent*in.

Im meinem Fall wollte ich wissen, ob die Student*innen die Möglichkeit der kritischen Auseinandersetzung hatten, ob sie genügend Raum für eigene Fragen hatten und ob der Dozent, also ich, nicht zuviel gesprochen und sie somit zugetextet hat. Sicher sind das Elemente, die mir in meiner Didaktik wichtig sind. Ich wollte daher ein kritisches Feedback von den Student*innen, wie diese das Seminar erlebt haben. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass aus den von allen zusammengetragenen Aussagen der Student*innen natürlich nur mehr Mittelmaß heraus kam. Einige fanden ich hätte zu viel gesprochen, andere aber ich wäre zu zurückhalten gewesen. Die Antwort, bei den anderen Fragen war es nicht wirklich anders, ließ mich somit nicht schlauer zurück als ich zuvor war: Ja und Nein. Arrogant wie ich bin und überzeugt von meiner Vorstellung von Didaktik wird daraus dann wohl ein: Naja, wenn es einige gut finden, mache ich es wohl so weiter, da man es allen eh nicht recht machen kann.  So bin ich armer Tor als klug als wie zuvor. Nun ja, was fängt man nun mit dieser Information an? Man befragt das Plenum mit dieser Ambivalenz der Aussagen erneut. Fragt sie nach ihren Einschätzungen und Befindlichkeiten. Startet also bei einem Level der Aussagekraft, die zuvor schon so im Seminar erkennbar war, von den einigen wenigen, die interessiert mit mir als Dozenten diskutierten, mich herausforderten und mir an den Lippen hingen (als Dozent die wirklich interessante und dem Ego zuträgliche Gruppe). Und natürlich der Gruppe, die ansatzweise von ihrem Laptop hochblickt. Eine Gruppe, die eigentlich mit dem stalken Anderer bei Instagramm oder facebook beschäftigt oder im Begriff ist, sich mit der Nachbarin ein neues paar Schuhe zu kaufen. Und doch muss ich etwas richtig gemacht haben, da die Bewertung im Basismodulteil der Evaluation mich mit 6,5 von 7 im Verhältnis zum Uni-Durchschnitt von 6,2 bewertet. Ergo: Ich bin ein Held, ein guter Dozent.

Doch worüber beschwere ich mich? Es ist weniger die Bewertung als der Maßstab. Kann es sein, nebst der alles in Allem voraussehbaren Auswertung und Bewertung meiner Lehre, dass etwas mit dem Maßstab falsch ist? 6,2 für die gesamte Uni als Durchschnitt? Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen, oder lehre ich einfach an der besten Uni der Welt? Wie kann es zu einer solchen Einschätzung kommen, wo doch die Student*innen in Fachgruppen und Fachschaften, bei mir als Dozenten und hochschulöffentlich so laut und vielseitig über die Inkompetenz so mancher Kolleg*innen schimpfen, frustiert sind von den Prüfungsbegleitungen und unverständlicher Lehre. Das kann doch nicht von einer riesigen Anzahl von brillianten Kolleg*innen kompensiert worden sein. Und wenn doch, wo sind die alle und wie kann ich mal mit diesen einen Kaffee trinken gehen. Selbst wenn man sagt, dass die, die nicht die beste Lehre machen, nicht unbedingt ihre Lehre evaluieren lassen, so müssten doch mindestens die Mittelmäßigen den Schnitt auf eine realisitische Verteilung senken. Ist also die gesamte Evaluation eine Farce? Haben die ausfüllenden Student*innen einen Hang zur Bestnote, auch wenn sie es nicht so interessant fanden? Oder liegt vielleicht gerade in der fehlenden Kritik ein Stück Selbstkritik an der studentisch nicht aufgebrachten Mitarbeit, wie ein Kollege von mir überlegte? Liegt in der Scham, sich nicht für das Seminar eingebracht zu haben, sich durch digitalen Medien abgelenkt haben zu lassen, sich nicht vorbereitet zu haben die Krux, dass Student*innen sich nicht zugestehen schlecht zu bewerten, da sie sich eingestehen, dass das miserable Seminar auch auf ihre Kappe geht? – Wenn das wahr ist brauchen wir dringend eine neue Seminar- und Evaluationskultur. Ich werde meine Student*innen auf jeden Fall fragen, und Sie?

Bis dato gewinnt an dieser Praxis nur die Außenwirkung der Universität. Ob es gerechtfertigt ist sei dahingestellt, wenn gleich ich durch die Lorbeeren meiner Hochschule  natürlich auch besser bewertet werde. Nun gut, wenn das dazu führt, dass interessierte und begnadete Student*innen zu uns kommen, sei es ihr und mir gegönnt.

Phillip Diestel studierte LBS Sozialpädagogik und Theologie an der Leuphana und arbeitet als Doktorand und Lehrbeauftragter für das ITT.