Möglichkeiten des Netzwerkens

Ich gebe zu, ich bin ein großer Fan von Facebook. Mir ist klar, dass meine Daten dort nicht sicher sind. Mir ist klar, dass auch ich dazu beitrage, dass andere mit Facebook viel Geld verdienen. Mir ist auch klar, dass ich dort in einer Filterblase lebe. Trotzdem mag ich Facebook. Denn Facebook vernetzt mich mit Freund*innen aus Kindheitstagen und mit Arbeitskolleg*innen von heute. Ich bekomme die meisten Geburtstage meiner Freund*innen dort angezeigt. Außerdem erleichtert Facebook mir viele Aspekte meiner Arbeit. Ich kann Leute über den Messenger sehr einfach anschreiben und kann direkt mit ihnen kommunizieren. Das scheint auf den ersten Blick einfacher, als ein Telefonat zu führen oder eine verkrampfte E-Mail zu schreiben. Ich kann meine Gedanken einfach dort reinschreiben und mein Gegenüber kann dann antworten wenn es ihr*ihm passt.

Leider funktioniert das auch andersrum. Feierabend und Ruhezeiten auf Facebook zu haben, ist ziemlich schwer. Mich erreichen immer noch sehr oft Anfragen, ob ich zu dem einen oder anderen Thema schon mal eine Hausarbeit geschrieben habe. Oder wie das Studium in Lüneburg ist, ob der Aufnahmetest hier schwer ist, ob ich mich auskenne, wie leicht man den Standort wechseln kann. Was zu tun ist, wenn es in einer Referatsgruppe nicht reibungslos läuft oder die Lehrenden vermeintlich überzogene Anforderungen haben. Ob eine Anwesenheitspflicht überhaupt erlaubt ist und was passiert, wenn man den ersten Prüfungstermin verpasst. Ich werde oft gefragt, ob ich mal eine Hausarbeit gegenlesen kann oder Literaturhinweise habe. Und mal ehrlich, ich freue mich meistens wenn ich helfen kann. Ich beantworte das gerne. Diese Anfragen helfen mir, besser zu verstehen, wie Studieren funktioniert und wie ein gutes Bildungssystem an der Stelle aussehen sollte. Aber solche Anfragen kommen dann zu allen Tages- und Nachtzeiten. Und ich bin dann fast immer bereit, darauf anzuspringen, auch wenn ich auf einem Freitagabend um 23:00 Uhr höchstens in einer Kneipe nach dem 4 Bier über das Bildungssystem diskutieren sollte und nicht im Messenger.

Also versuche ich mich seit einiger Zeit ein wenig vor mir selbst zu schützen. Auf meinem Handy sind alle Facebook Notifications ausgeschaltet. Das führt dazu, dass, wann immer ich eine der verschiedenen Facebook Apps (Facebook, Facebook Seitenmanager, Facebook Messenger) öffne, dort in meiner Abwesenheit auch etwas passiert ist. Es ist aber selten so wichtig, dass ich hätte reagieren müssen. Private Nachrichten, Kommentare in Gruppen oder auf den von mir betrieben Facebook-Seiten, lassen sich auch dann noch gebündelt abarbeiten. Auf meinem Laptop habe ich für den Browser ein Add-On installiert, wodurch kein Newsfeed mehr zu sehen ist. Dadurch kann ich Facebook ganz normal nutzen. Wenn ich gezielt eine Seite Aufrufe, kann ich auch alle Inhalte sehen, aber ich werde nicht mehr von irgendwelchen Inhalten abgelenkt. Für mich als Seitenbetreiber ist ein solches Add-On jedoch schlecht fürs Geschäft. Denn der Aufwand, eine Facebook-Seite zu betreiben, ist sehr hoch.

Das Verfassen eines Posts dauert im Durchschnitt 15 bis 30 Minuten. 2  bis 3 Posts pro Woche sollten es schon sein. Dafür braucht man gute Inhalte und gute Inhalte zu finden ist gar nicht so einfach. Und Facebook selbst arbeitet mit Mechanismen die den Wert einer Facebook Seite quantitativ messbar machen. So wird einem ständig die aktuelle Reichweite angezeigt. Und diese Werte sind nur sehr kurzlebig. In Spitzenzeiten liegt die Reichweite weit über 2000 Personen. Bereits nach 10 Tagen ohne einen Post liegt sie auch mal bei 9 Personen. Aber gute Inhalte alleine entscheiden nicht über den Erfolg eines Posts. Ohne ein gutes Bild zu dem Post geht fast nichts. Noch entscheidender ist jedoch der Zeitpunkt zu dem wir den Post veröffentlichen. Wir müssen also ziemlich viel richtig machen, um Facebook für unsere Arbeit gut zu nutzen. Aber all das nützt nichts, wenn am Ende niemand unsere Posts liked, kommentiert oder teilt.

Neben dem privaten Messenger und der offiziellen Facebook-Seite findet das Netzwerken aber vor allem in den Gruppen statt. Für viele Anliegen finden sich extra Gruppen, in denen man mal privat, mal professionell, diskutieren kann. Gruppen wie “Ideensammlung für ErzieherInnen/Pädagogen und Familie” und “Kritische Soziale Arbeit” oder aber auch lokal bezogene dienen bereits vielen Menschen als Austauschplattform für die verschiedensten Anliegen. Allerdings berühren sie meine Interessen und Tätigkeiten nur am Rande. Themen zu berufsbildenden Schulen der Sozialpädagogik oder den verschiedenen Studiengängen werden hier kaum diskutiert. Die Standorte der Studiengänge haben zwar eigene Gruppen, aber die Themen dort sind dann eben auch sehr studiengangsspezifisch “Kann mir jemand sagen, wann und wo die Klausur für Fachwiss. und Fachdidakt. stattfindet?” Aber das sind alles keine Gruppen, in denen z.B. diskutiert werden kann, welche Auswirkungen eine Änderung des KJHG von der Uni bis zur Berufsfachschule haben kann. Das passiert wohl am ehesten in dieser Gruppe: “Sozialpädagogische Alltagsheld*innen”. Der Beschreibung nach ist die Gruppe zum Austausch für all die, die im Sozialpädagogischen Feld tätig sind und Teil eines Netzwerks sein möchten. Auch wenn die Gruppe noch neu ist, und somit bisher kaum Mitglieder hat, scheint sie an der Stelle einen Bedarf zu decken. Ich bin gespannt, wie sich diese Gruppe entwickelt, und wen ich dort alles treffe.

Franz Vergöhl hat in Lüneburg Berufsschullehramt- Fachrichtung Sozialpädagogik studiert, arbeitet für das Projekt „Umbrüche getalten“ und ist Vorstandvorsitzender und Mitbegründer von VEbBS e.V.